Frühlingserwachen & Herbstidylle: L’Artisan Parfumeur – Mont de Narcisse

68BE8302-B85C-4412-B92E-6E538EEC1897Diesen Herbst möchte L’Artisan Parfumeur die ganze Welt mit zwei neuen Düften glücklich machen. Während auf der Südhalbkugel der Erde der Sommer vor der Tür steht und man unbedingt zu den verführerisch bittersüß karamellisierten Mandarinen & Bitterorangen von Mandarina Corsica des Parfumeurs Quentin Bisch greifen sollte, wird unsere Nordhalbkugel mit der rauchig blumigen Lederwürze von Mont de Narcisse der Parfumeurin Anne Flipo verführt.

Die zwei Düfte erscheinen in der „Les Paysages“ genannten Serie nach Buquolices de Provence und Un Air de Bretagne. Sie laden ein, die Schönheit Frankreichs mit all ihren Facetten zu entdecken. Mit meiner persönlichen Liebe für das Land ist das eh kein Problem.

Mont de Narcisse entführt uns direkt in die Mitte Frankreichs, in die Landschaft der Auvergne mit ihren saftig grünen Wäldern auf den Bergen vulkanischen Ursprungs, den zahlreichen Flüssen, die dem Zentralmassiv entrinnen und den gelben oder weißen Blütenfeldern voll wilder Narzissen, die dort auch gezüchtet werden. Die Loire hat in den Bergen der Auvergne ihren Ursprung, das Volvic Mineralwasser entspringt dort aus den erloschenen Vulkanen und auch der Messerhersteller Laguiole mit seinen bienenverzierten Messerheften hat dort seinen Sitz.

Der Dufteindruck dieser Landschaft wurde mit Mont de Narcisse wunderbar eingefangen. Ohne einer klassischen Pyramide zu folgen, sind alle Dufteindrücke sofort präsent. Verbringen wir also gemeinsam ein Herbstwochenende in dem dunklen alten Holzhaus mit dem stolzen grauen Steinkamin in den Wäldern der Auvergne.

Die floralen Facetten werden geprägt von französischem Narzissenabsolue und dessen erdig würzig und krautig blumigen Aromen, verstärkt durch die kleinen aber kraftvollen Blüten des Osmanthus mit seinen cremig grünen & schattig floralen Aspekten. Beide Pflanzen eint der typisch indolische Hauch von schmutzig körperlicher Erotik für das Extra an Finesse. Alles wirkt wie ein großer Strauß reifer gelber Blüten, der mit seinem holzigen Ästen, den vielen grünen Blättern und dem haftenden Rest Erde daran darauf wartet, in eine alte Fayence Keramik gestellt zu werden.

Die rauchig ledrige Facette transportiert wunderbar ein Gefühl von Feuerholz und Kaminromantik, und wurde sicherlich durch Isobutyl-Quinoline als Ersatz für das leider verbotene Birkenteer erreicht. Diese Lederwürze scheint mir wie aus schwarz verkohltem Feuerholz aus dem großen grauen Steinkamin zu entsteigen. Kraftvoll & nahezu schwarz, dabei aber auch durchscheinend und voll weicher  luftiger Wärme. So wie das poröse schwarze Lavagestein vulkanischen Ursprungs. Wunderbar.

Beide Seiten, der Rauch und die Blüten scheinen verbunden durch die Addition von Immortelle und Vanille. Die italienische Strohblume, also Immortelle, erscheint mir wie ein würzig balsamischer und honigbrauner warmer Sirup als sämiges Bindungsglied, in dem echte Vanille mit seinen unsüßen aber wohlig vertrauten Duftnoten etwas heimelig friedvolles Licht spendet, weil wir das Dessert nach dem Dinner nicht abwarten können. Kardamom mit seiner leicht scharf grünen Würze sorgt zusätzlich für eine Prise exotisches Licht und etwas schwarzer Pfeffer aus der Küche scheint zum Verstärken der würzig floralen Noten eine Verbindung eingegangen zu sein. Das alles fängt sich in einer Wolke von weißem Moschus für Diffusität und Entspannung.

Im Ergebnis ist Mont de Narcisse ein kraftvoller, aber entspannter Duft mit Charme und natürlicher Eleganz…der  aber aufgrund seines nicht alltäglichen Charakters eine gewisse Erfahrung oder zumindest Mut vom Entdecker verlangt. Die gelb floralen Noten mit ihrem kühl grünen Astlicht schenken eine Ahnung von Frühling, Immortelle verbreitet eine  verbindende harzig balsamische Atmosphäre und die dominierend rauchig bitteren und nahezu kohlschwarzen Facetten des Leders lassen die warme Gemütlichkeit des Herbstes erklingen.

Mont de Narcisse riecht zwar nie wie Piguet’s Bandit oder Grès‘ Cabochard, aber ich habe ich das Gefühl sie würden aus der Ferne kurz rüberwinken, während mir die balsamische Wärme wie ein entferntes Zitat im Stil von Goutal’s Sables den Sinn kommt, und mich gedanklich die körperlich florale Erotik in die moderne Ecke des Duftes Absolue d’Osmanthe der Marke Perris Monte Carlo zieht. Der Anstrich des Duftes ist klassisch, aber mit modernen Pinselstrichen ausgeführt.

Mit Mont de Narcisse erweitert L’Artisan Parfumeur nicht nur raffiniert das eigene Portfolio, sondern trifft damit auch perfekt meinen persönlichen Geschmack nach Düften mit einem klassischen Anspruch in zeitgemäßen Interpretationen. Der Herbst kann kommen.

Die Marke bietet meinen Lesern als kleine Überraschung kostenfrei zwei Duftproben der insgesamt vier Les Paysages genannten Serie an. Diese können direkt unter dem folgenden Link bestellt werden:

https://www.artisanparfumeur.com/en/les-paysages-samples.html

Für versandkostenfreie Lieferung bitte den Aktionscode OLAF eingeben.

Viel Spaß beim Entdecken!

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Review: Hermès Equipage Géranium

Hermès Equipage Géranium 1

„Equipage“ war immer mein liebster Herrenduft von Hermès gewesen. Ich mag den recht würzig holzigen Charakter voll einhüllender „Kaminfeuer“ Wärme, der von einer sanften Rauchnote überlegt ist, und der gedämpft herbstlich und fast weihnachtlichen Winterstimmung. Er war hier mal als Winterduft für „Pour Monsieur“ Träger beschrieben worden, wie passend…die zurückhaltende Eleganz eines großen Chypreduftes mit aristokratischen Manieren, der für heutige Nasen im Zweifel etwas altmodisch anmutet. Bei „Equipage“ kann man sich problemlos Männer in Tweed auf dem Land vorstellen, einem privaten Essen in entspannt formellem Rahmen oder auch beim Tagesgeschäft mit Trenchcoat in der Großstadt. Festliche Abendqualitäten im „Habit Rouge Smoking Chic“ verströmt er mit seiner fast rustikalen Art jedoch nicht.

Um so gespannter war ich nach dem gelungenen „Bel Ami Vétiver“ Start vor zwei Jahren auf dieses „Equipage Géranium.“ Hermès hatte vor zwei Jahren begonnen, alle älteren Düfte Ihre Sortiments in die sogenannte „Nos Classiques“ Kollektion zusammen zu fassen, denen in einem kleinen Buch mit Aquarellzeichnungen von Philippe Dumas – einem Enkel des Firmengründers – gehuldigt wird. Wir erwarten nun jedes Jahr im Herbst von einem dieser alten Düfte eine wohl limitierte Sonderedition, was im Fall von „Bel Ami Vétiver“ aufgrund seines Erfolgs offenbar nicht mehr gilt. „Rose Amazone“ scheint dieser Erfolg bisher nicht vergönnt.

Während mir der leicht süßliche und wuchtige Charakter von „Bel Ami Vétiver“ trotz seiner Beliebtheit persönlich richtig gefiel, musste ich hier gleich zugreifen. Obwohl „Equipage“ als Duft mit Leder eingeordnet wird, habe ich das Leder hier nie so stark wahrgenommen. Vielmehr bringt mich das Wort „Equipage“ in seiner Bedeutung als Ausstattung für Kutschen aus Holz, Lack, Ledersatteln und – koffern und vor allem den Geruch von Pferden nahe…animalisch also. Aber eher sehr fein, sauber und „hautig,“ wie die Mähne eines frisch für die Garde gestriegelten Pferdes, in die man seine Nase mit Wonne hält.

Bei „Equipage Géranium“ wurden alle Komponenten des klassischen „Equipage“ aufgehellt. Er startet mit den typisch würzig krautig und blumig frischen Facetten des namensgebenden Geraniums – die dauerhaft in Ihrer Luftigkeit erhalten bleiben – lässt aber den häufig so starken „Minzzahnpasta“ Charakter nahezu komplett außen vor und integriert die Minznote eher „nur“ als aufhellendes Licht in dem gedämpft heiteren Duftcharakter. Auch die seifig rosig und blumigen Facetten des Geranium sind ohne Dominanz mit eingebunden, wie mir das bei anderen Düften mit Geranium schon aufgefallen war. Die frische Kopfnote verhilft einen leichteren Einstieg – hervorragend vor allem an einem Arbeitsmorgen in der Woche – die den Duft leichter zugänglich und tragbarer machen. Schnell ergänzt sich dauerhaft eine leicht staubig trockene Zimtnote, die von etwas von etwas herb würzigem Muskat verstärkt wird. Die Basis addiert sich mit den typischen Facetten des klassischen „Equipage“, bleibt dabei aber viel zaghafter, nahezu unschuldig und zurückhaltender als es das Original ist. Eine sanft wärmende Sandelholznote zeigt sich, die bekannten Chypre-Moosnoten entfalten Ihre bitter grünen Facetten und eine leicht animalisch ledrige Note erdet das Gerüst. Beim Tragen wird mir bewusst, dass Menschen den etwas besonderen Charakter des Geraniums mit seiner Mischung aus krautig rustikal minzigen und gleichzeitig rosig seifig blumigen Facette nicht mögen können, der hier in Kombination mit den trocken würzigen Noten und der leicht animalischen Facette eine besondere Atmosphäre schafft. Mir gefällt das sehr, weil der Duft „anders“ erscheint, ohne dabei herausfordernd zu sein, was glücklicherweise der diskreten Interpretation Jean-Claude Ellenas zu verdanken ist. Haltbarkeit und Silage sind im typischen Hermès Stil und im Gegenzug zum klassisch winterlichen „Equipage“ ist das neue auch ohne Probleme für den Frühling oder Frühherbst geeignet.

Bei „Equipage Géranium“ scheinen mir alle Inhaltsstoffe aus dem alten „Equipage“ präsent zu sein. Jean-Claude Ellena hat sie wieder verwendet und offenbar nur die Proportionen verändert, in dem er den floralen Charakter des klassischen „Equiapge“ mit dickeren Pinselstrichen mehr herausgearbeitet hat, dafür aber die kräftig herbstlich dunklen Basisnoten nur wie ein leichtes Aquarell zeichnete. Während mir das klassische „Equipage“ eher wie eine klar erkennbar nobel dichte Essenz erscheint, wirkt „Equipage Géranium“ eher wie ein freundlich diffuser Duftnebel, der sich zwar zu erkennen gibt, sich einem aber auch entzieht. Die rustikal ländliche und fast aristokratische Eleganz ist geblieben, erscheint aber lässiger und jünger. Man könnte auch sagen, dem Duft haftet etwas verblichenes an, wie ein im diffusen Licht verblichenes „Equipage“, das länger der Sonne ausgesetzt war – dabei den kräftigen Farbton verlor – und die Sonne und Natur aufgesogen hat. Das Ergebnis erscheint immer noch klassisch, aber mit der modernen Facette des „Shabby Chic,“ wo der Ernst, das Alter und die Strenge durch luftige Noten ersetzt wurden. Also eher „retro“ als „vintage.“ Und das mir das gefällt, wundert mich nicht.

Frédéric Malle – Die Kunst des Parfums

Frederic-Malle Anhäufung

Was man über diese Marke erfahren kann, die eine meiner liebsten Marken überhaupt ist:

Frédéric Malle wurde 1962 in Paris geboren und wuchs in einem mit Parfum umgebenen Haushalt auf. Sein Großvater, Serge Heftler-Louiche, war der Gründer der Parfums Christian Dior. In Zusammenarbeit mit Christian Dior und dem Parfumeur Paul Vacher (dem Inhaber der Parfummarke Le Galion) erschufen sie 1947 das erste Parfum der Marke Dior: Miss Dior (heute Miss Dior Original). Serge Heftler-Louiche war ein Schüler des Parfümeurs Francois Coty, der als Begründer der modernen Parfümerie des 20. Jahrhunderts gilt. Durch seine Arbeit wurden u.a. die Grundsteine für die Parfums L’Heure Bleue & Shalimar gelegt und er gilt als Erfinder der Kategorie der Chypredüfte.

Serge Heftler-Louiche arbeitete bei Parfums Christian Dior aber in den folgenden Jahrzehnten bis zu seinem Tode überwiegend mit dem Parfumeur Edmond Rounitska zusammen, dem wir u.a. Eau Fraîche von 1953 als Vorläufer des legendären Eau Sauvage, und Romy Schneiders Lieblingsparfum Diorissimo von 1956 zu verdanken haben. Nach dem Tode Serge-Heftler Louiche’s übernahm Frédéric Malles Mutter die Tätigkeit als Art Direktorin bei Dior und schuf in Zusammenarbeit mit Edmond Roudnitska die Legenden Eau Sauvage und Diorella. Frédéric Malle sagt, dass dadurch diese Düfte für ihn eine besondere Bedeutung haben, da er mit ihnen aufgewachsen ist. Das ist gut nachvollziehbar.

Frédéric Malle studierte dann zunächst Kunsthistorie in New York und arbeitete seit 1986, sicherlich geprägt durch die Geschichte seiner Familie, bei dem Duftstoffhersteller Roure Bertrand Dupont. Dort konnte er in Zusammenarbeit mit den verschiedensten Parfumeuren seine Kenntnisse im Bereich der Rohstoffe und dem Kreieren von Parfums selbst erweitern.

In den frühen Neunziger Jahren arbeitete er mit Pierre Bourdon an dem ersten Duft des legendären Nachtclubinhabers Mark Birley – dessen Nichte Loulou de la Falaise mehr als dreißig Jahre die rechte Hand Yves Saint Laurent’s bekannt war – der aufgrund seiner Beliebtheit dann 1996 öffentlich vermarktet wurde. Dieses wunderbar leichte Wasser ist bis heute erhältlich.

Es ärgerte ihn, dass nicht nur das Business im Laufe der Jahre immer schneller wurde, sondern auch die Tatsache, dass meist der Name der eigentlichen Schöpfer der Parfums unbekannt blieb.

Als Neffe des Filmemachers Louis Malle – der bis zu seinem Tod mit der Schauspielerin Candice Bergen verheiratet war und Frédéric Malle in 2005 in Zusammenarbeit mit Dominique Ropion den Duft Carnal Flower als Hommage an seine Tante in dem Film „Caranal Knowledge“ widmete – den wir als wichtigen Vertreter der Nouvelle Vague u.a. den Film „Fahrstuhl zum Schafott“ nicht nur mit der wunderbaren Jeanne Moreau, sondern auch mit einer meiner Lieblingsfilmmusiken von Miles Davis zu verdanken haben, entschied er sich Ende der Neunziger Jahre deshalb, seine eigene Marke zu gründen.

Dank seiner langjährigen Beziehungen zu den verschiedensten Parfumeuren konnten er diesen eine Zusammenarbeit auf der Grundlage anbieten, Düfte ohne Rohkostenbeschränkung kreieren zu können. In 2000 wurde die Marke mit zunächst neun Düften der besten Parfumeure seiner Zeit gegründet. Eine schöne und wichtige Idee war, den Namen des Parfumeurs selbst und den Namen des Parfums großflächig auf die Banderole zu schreiben, währen der Markenname Frédéric Malle etwas kleiner gedruckt wurde. Das Design der Flaschen mit seiner schwarzen Banderole ist von den alten Robert Piguet „Eau de Toilette“ Flakons inspiriert. Zudem legt Frédéric Malle Wert darauf, als Parfumverleger, im frz. als „Editeur,“ bezeichnet zu werden, da er den Parfumeuren die Freiheit gibt, Düfte bei ihm verlegen zu können.

Eine Besonderheit unter diesen neun ersten Parfums bildet der Duft Le Parfum de Thérèse, der bereits in den Fünfziger Jahren von Edmond Roudnitska kreiert worden war. Es fand sich wohl keine Marke die den Mut hatte, diesen für diese Zeit zu kühnen und modernen Duft zu vermarkten zu wollen und Edmond Roudnitska entschied, dass allein seine Frau diesen Duft tragen sollte. Frédéric Malle wusste durch die langjährige Zusammenarbeit seiner Familie mit der Familie Roudnitska von der Existenz dieses „geheimen“ Parfums, welches in Fachkreisen aufgrund der überdosierten Fruchtnote wohl als „La Prune,“ also „die Pflaume“ bekannt war und konnte in 1999 die Witwe Roudnitska umgehend für die Lancierung dieses bisher geheimen Parfums in seiner Editions begeistern. Zu Ehren von Thérèse Roudnitska trägt der Duft daher ihren Namen.

Angeblich war die Seife „Anterena“ mit ihrem frischen Geraniumduft das erste für seine neue Marke selbst entworfene Produkt, dessen Duft von den Luxushotelseifen vergangener Zeiten inspiriert war und dessen Duft Frédéric Malle so liebte. Diese Seife ist als Grundidee für die Entstehung des amüsanten Herrendufts Geranium pour Monsieur zu sehen, welches dann später wieder in Zusammenarbeit mit Dominique Ropion in dem Parfum Portrait of a Lady gipfelte.

Das Wissen Frédéric Malles ob der Parfumherstellung und deren Vermarktung, welches durch seine familiären und beruflichen Verknüpfungen offenbar bis in die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts zurückreicht, muss immens sein. Alle Düfte erscheinen mir daher so wunderbar perfekt poliert, so dass sich diese Marke umgehend in mein Herz geschlichen hat.

Bei einem Bummel in 2004 durch die rue Grenelle des Pariser „rive gauche“ Viertels, in dem seinerzeit die erste Boutique Frédéric Malles eröffnete, hatte ich mir meine erste Flasche Vetiver Extraordinaire gekauft. Das Geschäft mit seiner famosen von Andrée Putman gestalteten Inneneinrichtung besteht bis heute und ist auch für meine Leidenschaft für diese Marke mitverantwortlich.